Stillen
Als Stillen oder Brusternährung wird die Ernährung des Säuglings und Kleinkinds an der Brust von Mutter, Amme oder einer anderen Frau bezeichnet.
Als klassische Stillposition ist vor allem der so genannte Wiegegriff bekannt, bei dem das Kind vorn in den Armen der Mutter liegt. Vor allem bei Neugeborenen ist es wichtig, dass das Baby dabei mit dem Gesicht der Mutter ganz zugewandt ist und in Höhe der Brustwarze liegt. Dabei kann das Kind beispielsweise durch Kissen so gestützt werden, dass Arm- und Schultermuskeln der Mutter entspannt sind. Zu diesem Zweck werden Kissen oder ein großes U-förmiges Stillkissen verwendet. Auch Armlehnen eines Sitzmöbels können diesem Zweck dienen. Einen zusätzlich wiegenden Effekt hat ein Schaukelstuhl oder Stillsessel.
Es bestehen eine Vielzahl weiterer Stillpositionen. Das Kind kann im Sitzen, im Liegen oder im Stehen gestillt werden. Beim Rückengriff im Sitzen sind die Füße des Kindes zum Rücken der Mutter ausgerichtet; dabei ist die Stütze durch ein Stillkissen üblich. Ein Tandemstillen von Zwillingen ist zum Beispiel dadurch möglich, dass beide Kinder jeweils im Rückengriff liegen. Das Stillen im Liegen erlaubt eine völlige Entspannung der Mutter bis hin zum Schlaf. Ein Wechsel der Stillpositionen über den Tag gilt als hilfreich, um die Mutterbrust gleichmäßig zu entleeren und so Milchstau vorzubeugen. Üblicherweise wird zum gleichen Zweck beim Stillen zwischen zwei Brüsten abgewechselt. Ob dabei eine Stillmahlzeit aus beidseitigem Trinken besteht oder nicht, ist individuell und kulturell verschieden und hängt auch davon ab, ob die Mutter die Milchmenge steigern oder drosseln will.
Wichtigster Vorteil des Stillens gegenüber künstlicher Säuglingsnahrung ist der Schutz vor Infektionen. So kommt eine spanische Studie zu dem Ergebnis, dass Stillen das Risiko von Infektionskrankheiten bei Kindern unter einem Jahr um 30 bis 56 % vermindert. Eine US-amerikanische Studie belegt, dass Stillen die Säuglingssterblichkeit erheblich vermindert. Darüber hinaus wurde in Studien gezeigt, dass Stillen verschiedene positive Langzeiteffekte auf die Gesundheit gestillter Kinder hat. Gestillte Kinder sind im Vergleich zu mit künstlicher Säuglingsnahrung ernährten Babys seltener krank. Neben der günstigen Nährstoffzusammensetzung der humanen Muttermilch erhält der Säugling durch das Stillen Antikörper und Immunzellen des mütterlichen Immunsystems. Weitere Abwehrstoffe gegen Infektionen sind Lysozym und Laktoferrin.[10] Dadurch ist der Säugling auch einige Zeit über die Dauer des Stillens hinaus gegen verschiedenste Krankheiten immunisiert (Nestschutz). Da das Immunsystem des Kindes erst durch Kontakt mit Krankheitserregern eigene Antikörper entwickelt, bieten die mütterlichen Antikörper für diese Übergangszeit einen zuverlässigen Schutz vor Infektionen. Besonders die unmittelbar nach der Geburt in den ersten 18 bis 36 Stunden gebildete gelbliche Vormilch enthält einen hohen Anteil an Antikörpern und ist für einen Infektionsschutz des Neugeborenen wichtig. Darüber hinaus enthält die Muttermilch Substanzen, die die Darmflora, namentlich bestimmte Bifidobakterien, positiv beeinflussen.
Stillen schützt vor Neurodermitis, Asthma bronchiale und Heuschnupfen.
Gestillte Kinder erkranken seltener an Diabetes mellitus; außerdem scheint die Muttermilch die Darmflora positiv zu programmieren.
Stillen ist von großer Bedeutung für die altersgemäße Sprachentwicklung des Kindes, da das Bewegungsmuster der kindlichen Mundmuskulatur beim Stillen alle für das Erlernen der Lautbildung wichtigen anatomischen Bereiche im Mund (Zunge, Gaumensegel, Kiefermuskulatur) fördert. Dies ist bei der Ernährung mit der Flasche, welche eine passive Zungenlage und minimale Kieferaktivität erzwingt, nicht gegeben.
Um stillen zu können, braucht eine Frau nicht schwanger gewesen zu sein. Die Milchbildung kann auch ohne vorangegangene Schwangerschaft in Gang gebracht werden, was jedoch einer recht zeitaufwändigen Vorbereitung bedarf. Dieser Vorgang wird "Induktion der Milchbildung" genannt.
Grundsätzlich gilt, dass jeder mechanische Reiz an der Brustwarze (und etwas geringer auch insgesamt an den Brüsten) schnell zur Ausschüttung des "Milchbildungs"-Hormons Prolaktin führt. Eine regelmäßige langanhaltende Reizung führt schließlich zum Ausbau/Wachstum des Milchdrüsengewebes und schließlich zur Milchsekretion. Wie schnell die Milchbildung in Gang kommt, hängt entscheidend von der Intensität ab, aber auch von anderen Faktoren wie den körperlichen Anlagen der Frau, psychischen Einflüssen und ihrem Lebensalter. Unter günstigsten Bedingungen und intensiver Induktion kann die Milchbildung nach drei Tagen in Gang gekommen sein und unter ungünstigen Bedingungen werden auch nach Monaten nur wenige Tropfen erreicht.
Das Baby sollte möglichst oft angelegt werden, auch (oder ganz besonders) wenn zunächst nur wenig Milch vorhanden ist. Das kann mit einem Brusternährungsset unterstützt werden, das aus einem mit Muttermilch oder künstlicher Säuglingsmilch gefüllten Beutel und einem feinen, flexiblen Schlauch besteht, dessen Ende neben der Brustwarze (= Mamille) befestigt wird, so dass das Baby an der Brust saugt und dabei Milch aus dem Beutel erhält. Dadurch wird die Milchbildung angeregt und das Kind bleibt motiviert, weiterhin an der Brust zu saugen.
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