Pseudowissenschaft
Pseudowissenschaft
Pseudowissenschaft (griech, pseudo, „ich täusche vor“) ist ein Begriff für Behauptungen, Theorien, Praktiken und Institutionen, die sich den Anschein der Wissenschaftlichkeit geben, ohne diesen Anspruch zu erfüllen. Der Gebrauch dieses Begriffs ist innerhalb der Wissenschaft umstritten. Er wird sowohl analytisch-deskriptiv als auch abwertend benutzt.
Viele verbreitete Vorschläge zu einer groben Begriffsbestimmung kommen zumindest in zwei Punkten überein:
Pseudowissenschaften treten mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit auf.
Pseudowissenschaften widersprechen anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Sowohl diese beiden Bedingungen, wie auch deren weitere Präzisierungen sind allerdings umstritten. Eine derartige Minimaldefinition erlaubt aber zumindest die Abgrenzung zu andersgearteten Vorstellungen oder Thesen, beispielsweise:
Religion, insoweit diese keine selbst wissenschaftlich ausgearbeiteten Ansprüche erhebt, die in Konflikt mit akademisch etablierten, naturwissenschaftlichen Ergebnissen stehen. Ob die Theologie unterschiedlicher religiöser Traditionen diesen Konflikt vermeidet, ist allerdings unter Religionsphilosophen und Theologen umstritten. Hilary Putnam beispielsweise argumentiert, dass genuin religiöse Wahrheiten prinzipiell nicht in Konflikt mit naturwissenschaftlichen Thesen geraten könnten. Andere hingegen bestreiten dies – moderne Formen der Schöpfungswissenschaft oder das Intelligent Design werden von vielen Wissenschaftstheoretikern als paradigmatische Beispiele für Pseudowissenschaften behandelt.
Esoterik oder Obskurantismus, insoweit hier ebenfalls keine wissenschaftlichen Ansprüche erhoben werden;
nach heutigem Erkenntnisstand überholte Theorien, die aber zum Zeitpunkt ihrer Ausarbeitung nicht in Konflikt zu zeitgenössischen, gut bestätigten und etablierten wissenschaftlichen Theorien oder Methoden standen. Beispiele wären etwa die unterschiedlichen Ätherhypothesen. Diese Abgrenzung ist allerdings umstritten.
Die weitere Spezifikation der Kriterien valider Forschungsmethoden ist eine Frage, deren Antwortmöglichkeiten in der wissenschaftstheoretischen Diskussion der letzten Jahrzehnte kontrovers debattiert wurden. Ins Feld geführt werden beispielsweise Kriterien institutionalisierter Forschung wie: Falsifizierbarkeit, intersubjektive Überprüfbarkeit oder Offenheit gegenüber Korrekturmöglichkeiten. An Kriterien für die Auszeichnung von Pseudowissenschaften werden beispielsweise diskutiert: systematische Abschottung gegenüber Widerlegung und Kritik, nicht rational gerechtfertigte Selektivität gegenüber empirischen Daten, Vertreten einer geschlossenen Alternative statt einer schrittweisen Erweiterung bisheriger Theoriebildung und Forschungspraxis.
Die Prägung des Begriffs in der Diskussion der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts geht auf Karl Popper zurück.
Nach verbreiteten Positionen geht Pseudowissenschaftlichkeit stets einher mit Nichtwissenschaftlichkeit, Nichtwissenschaftlichkeit wiederum mit mangelnder Falsifizierbarkeit: Empirische Befunde können eine Theorie nicht als falsch erscheinen lassen. Auch in den verschiedenen wissenschaftstheoretischen Strömungen der Analytischen Philosophie wird bei der Abgrenzung von Wissenschaft teilweise Bezug genommen auf eine an die jeweilige wissenschafttheoretische Richtung angepasste Version des Begriffes „Falsifizierbarkeit“.
Larry Laudan hält das Kriterium der Falsifizierbarkeit für ungeeignet, da es zu nachsichtig sei: Damit würde jede absonderliche Behauptung von Astrologen, Kreationisten oder wem auch immer wissenschaftlich, solange nur angegeben würde, welche Beobachtung sie als Widerlegung ihrer Theorie anerkennen würden. Für Richard McNally ist das Falsifizierbarkeitskriterium ebenfalls zu Abgrenzungszwecken unbrauchbar, da eine große Zahl der als pseudowissenschaftlich geltenden Theorien durchaus falsifizierbar, ja bereits widerlegt sei. Andererseits erfüllten einige etablierte wissenschaftliche Theorien das Falsifikationskriterium oder andere Abgrenzungskriterien nicht. Widerspruch erhalten solche Kritiken zum Beispiel von Michael Ruse. Ruse kritisiert in einer Antwort an L. Laudan, dass in solchen Gegenargumenten das Falsifizierbarkeitskriterium falsch verstanden werde. Weder sei es als alleiniges Kriterium gedacht, sondern immer zusammen mit anderen methodologischen Kriterien, und zudem wird auch nur von empirischen Wissenschaften die Falsifizierbarkeit gefordert, nicht jedoch zum Beispiel von Mathematik und Logik.
Die Abgrenzung von Pseudowissenschaften durch Verletzen derjenigen Kriterien, die für die Bestätigung („Prüfung“) wissenschaftlicher Theorien konstitutiv sind ist umgekehrt an die Probleme verwiesen, einen handhabbaren und theoretisch präzisen Begriff der Bestätigung auszuarbeiten. Besonders seit den 1960er Jahren wird versucht, das bereits von David Hume klassisch formulierte Problem wissenserweiternder Vernunftschlüsse (sog. Induktionsproblem) einer befriedigenden Antwort zuzuführen. Zahlreiche Wissenschaftstheoretiker halten dieses Problem in der gestellten Form für unlosbär, halten es aber für ersetzbar durch die Frage nach einer pragmatischen oder statistischen Ausarbeitung des Begriffs der Bestätigung einer Theorie.
Paul R. Thagard schlägt das Vorhandensein der Faktoren Theorienbildung, Forschungsgemeinschaft und historischer Kontext vor, um Wissenschaften zu charakterisieren.
Sein Definitionsvorschlag lautet: „Eine Theorie bzw. eine Disziplin, die vorgibt, wissenschaftlich zu sein, ist genau dann pseudowissenschaftlich, wenn sie über lange Zeit hinweg weniger Fortschritte gemacht hat als alternative Theorien und sich vielen ungelösten Problemen gegenübersieht, wenn aber die Gemeinschaft der praktisch arbeitenden Wissenschaftler wenig Versuche unternimmt, die Theorie dahingehend weiterzuentwickeln, dass sie diese Probleme löst, und wenn diese Gemeinschaft wenig Sorge trägt, die Theorie gegenüber alternativen Theorien vergleichend zu beurteilen, und wenn diese Gemeinschaft sehr selektiv darin ist, was sie als Bestätigungen und was als Fehlschlag betrachtet.“
Teilweise wird die Abgrenzung von Wissenschaft und Nichtwissenschaft mittels scharfer Kriterien, welche sowohl notwendig als auch hinreichend sind, auch für faktisch oder prinzipiell unmöglich erklärt. Eine moderate Alternative zu derartigen Präzisierungsversuchen besteht darin, am Begriff festzuhalten, seine Vagheit aber einzufangen, indem er etwa nach dem Modell von Familienähnlichkeitsrelationen oder als Bereich eines Spektrums mit lediglich klar fassbaren Extrempunkten verstanden wird.
Alan Sokal definiert Pseudowissenschaft als Ideenkomplex oder Argumentation, die:
Phänomene oder kausale Beziehungen behauptet, die von der modernen Wissenschaft als unwahrscheinlich zurückgewiesen werden, und die
ihre Behauptungen durch Argumentationen oder Beweise zu stützen versucht, welche bei weitem nicht den Kriterien der modernen Wissenschaft bezüglich Logik und Nachprüfung gerecht werden.
Dazu zählen nach Sokals Definition auch Aussagen über die Welt, die Bestandteil der Lehrmeinungen vieler Religionen sind. Außerdem würden nach Sokal einige – nicht aber alle – Pseudowissenschaften:
sich selbst als wissenschaftlich bezeichnen;
ihre Behauptungen an die echte Wissenschaft knüpfen, insbesondere an neueste wissenschaftliche Erkenntnisse;
keine isolierte Behauptung, sondern vielmehr ein komplexes und logisch kohärentes System aufstellen, das in Anspruch nimmt, eine Vielzahl angeblicher Phänomene zu erklären;
ihre „Fachleute“ einem langen Prozess der Ausbildung und Akkreditierung unterziehen.
Ähnlich wie Hansson sieht Sokal ein Kontinuum zwischen der soliden, evidenzbasierten Wissenschaft und den Pseudowissenschaften.
Der britische Psychologie-Professor Richard McNally (Harvard, Newcastle), der sich selbst mit der Kritik von randständigen Therapierichtungen befasst, hält den Begriff der Pseudowissenschaft für unbrauchbar zu klaren Abgrenzungen im Vorhinein. Der Begriff habe nur geringen analytischen Gehalt. Den Begriff durch das Falsifizierbarkeitskriterium zu bestimmen hält er aus den angeführten Gründen für unbrauchbar. Konkrete angezweifelte Theorien sollten schlicht auf logische oder empirische Schwächen hin untersucht und gegebenenfalls kritisiert werden.
Einigen Auffassungen, welche sich dagegen aussprechen, dass scharfe Kriterien angebbar seien und daraus schließen, den Begriff Pseudowissenschaft aufgeben zu müssen, wird von einigen Gegnern Widersprüchlichkeit vorgeworfen, denn es werde zwar verneint, dass man einen wertenden Begriff wie Pseudowissenschaft verwenden könne, aber es würden trotzdem qualitative Bewertungen vorgenommen. Man versuche etwa, ein Abgleiten in einen Relativismus zu vermeiden, indem zwischen „guter“ und „schlechter“ Wissenschaft unterschieden werde. G. A. Reisch argumentiert, dass bei einem Urteil über „schlechte Wissenschaft“ letztlich doch implizit eine Demarkation vorgenommen werde. Dies sei allerdings keine Demarkation über Kriterien, sondern eher eine sogenannte Netzwerkdemarkation, wie sie schon von Otto Neurath vorgeschlagen worden war.
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