Transzendenz
Transzendenz
Transzendenz (von lat. transcendere „übersteigen“) bedeutet Überschreiten von Grenzen des Verhaltens, Erlebens und Bewusstseins, sowie das Sichbefinden jenseits dieser Grenzen.
In der Mathematik wird das Attribut transzendent in folgenden Bedeutungen verwendet:
Transzendente Zahl: Gegenteil von algebraischer Zahl: Eine Zahl, die nicht Nullstelle eines Polynoms mit rationalen Koeffizienten ist, das heißt, sie lässt sich nicht durch eine Polynomgleichung beschreiben. Zu dieser Zahlengruppe gehören zum Beispiel die eulersche Zahl e und die Kreiszahl π (pi).
· Transzendentes Element: Gegenteil von algebraischem Element: Element einer Körpererweiterung, das nicht Nullstelle eines Polynoms mit Koeffizienten aus dem zu erweiternden Körper ist.
· Transzendente Gleichung: Gleichung, die sich nur in impliziter Form darstellen lässt. Lösungen können numerisch oder graphisch, jedoch nicht analytisch gefunden werden.
· Transzendente Funktion: Eine Funktion, die keine algebraische Funktion ist, z. B. die Exponentialfunktion oder Sinus und Kosinus.
Religiösen und philosophischen Verständnissen vom Transzendenten ist gemeinsam, dass dieser Begriff eine Wirklichkeit bezeichnet, die das voraussetzungslos sinnlich Wahrnehmbare überschreitet. Damit transzendentiert des Verstehen des Sinnlichen seine Wahrnehmung auf etwas – ein Drittes, das in seiner Beziehung zum Wahrnehmbaren erst bestimmt werden muss. Diese Bestimmung hat eine erste Perspektive in der Struktur des Seienden, also eine ontologische, und eine zweite in der Struktur menschlicher Erkenntnis, also eine gnoseologische.
Dem folgend kann man die philosophische Traditionen grob in solche unterscheiden, die von einer seinsmäßigen Entsprechung von Seiendem und Erkennendem ausgehen als Voraussetzung und Ziel eines jeden Erkenntnisprozesses. Dies ist beispielsweise die aristotelisch geprägte Metaphysik und ihre Rezeption durch Averroës im Islam und Thomas von Aquin im Christentum, die das Sein, von dem das Seiende kausal abhängt, vom Seienden aus erschließt.[1]
Dies ist philosophiegeschichtlich eine Antwort auf das platonische Konzept, das von einer klaren Zweiteilung der „wirklichen“ Wirklichkeit der Ideen ausgeht, die dem Veränderlichen entzogen sind, und einer davon losgelösten Sinneswelt, aber die Frage nach der Vermittlung beider nicht beantworten kann.
Eine dritte Gruppe versucht im Gefolge Kants die Frage nach den Voraussetzungen der Verstandeserkenntnis unter Ausklammerung von ontologischen Fragestellungen zu klären. Die sinnlich wahrnehmbare Welt gehorcht dem Naturgesetz; damit ist nicht ihre seinsmäßige Verfassung das Problem, sondern die Erkenntnis der über das Sinnliche hinausgehende – dort weniger die Abstraktion vom Sinnlichen als vielmehr die Erkenntnisse, die auf Verknüpfung „reiner“ Begriffe fußen.
In diesem Zusammenhang entsteht der Begriff des Transzendentalen als Frage nach den Voraussetzungen des Denkens, der sich vom Begriff der Transzendenz im Sinne eines „Jenseits der Sinnenwelt“ absetzt. Hier gabelt sich der Weg in die Philosophie, die Gott als Ziel und Voraussetzung des Denkens versteht und eine, die diese Einheit mindestens methodisch negiert.
Der Begriff des Transzendenten, der sich vom Begriff des Transzendentalen unterscheidet, folgt der historischen Abfolge von Weltbildern und deren Problematisieren des In-der-Welt-Seins des Menschen. Bleibt in der antiken Philosophie der Mythos der Horizont menschlichen Verstehens, der Welt und Verstehen gleichermaßen begründet, identifiziert die christliche Philosophie den unbewegten Beweger des Aristoteles als Grenzwert von Kausalität, bzw. den, über den nichts Größeres hinausgehend gedacht werden kann, als Grenzwert intellektualer Dynamik.
Das von dem transzendentalen Vorgehen zu unterscheidende Transzendente taucht bei Kant als Aporie der reinen Vernunft bzw. als Postulat der praktischen Vernunft auf.
Das den Erkennenden mit dem Horizont seiner Erkenntnis Vermittelnde ist in der Geschichte der nachkantischen Philosophie von verschiedenen Seiten angegangen worden. Da ist zunächst im Idealismus Hegels die Geschichte, die in der Dialektik ihrer Entwicklung das Kontinuum schafft, in dem der Verstand über die Gegenstände zu sich kommt und so mit sich und der Welt vermittelt ist. Aufbauend auf Hegels Konzept sieht Heidegger in der Verstehen in der menschlichen Existenz und Ihrem Ringen um Selbstverständnis in das Vermittelnde zwischen dem Erkennenden, den Gegenständen seiner Erkenntnis und dem Horizont menschlicher Erkenntnis, der diese erst möglich macht.
Unter Horizont verstehen wir in diesem Kontext den Vorgriff auf etwas, was den Prozess der Frage, Erkenntnis überhaupt ermöglicht. Dies ist eben nicht der Gegenstand der Erkenntnis selbst, sondern das was als Bedingung der Möglichkeit stets bei jeder Erkenntnis mitgesetzt ist. Die Philosophie, indem sie auf die Vollzugsbedingungen ihrer Erkenntnis reflektiert, macht diesen stets implizit gesetzten Horizont zum Gegenstand ihrer Untersuchung. So ist zum Beispiel Wahrheit als so verstandener Horizont stets mit gesetzt, und zwar unabhängig davon, ob die getroffene Aussage wahr oder falsch, die Wahrheit intendiert war oder nicht, die Tat gut oder böse ist, illustriert an der Lügneraporie, der zufolge niemand behaupten kann, er lüge immer, weil er ja in mindestens diesem einen Fall die Wahrheit sage, und so Wahrheit transzendentale Möglichkeitsbedingung selbst der intendierten Falschheit dieser Aussage ist. „Das subjekthafte, unthematisch und jedem geistigen Erkenntnisakt mitgegebene Mitbewusstsein des erkennenden Subjektes und seiner Entschränktheit auf die unbegrenzte Weite aller möglichen Wirklichkeit nennen wir transzendentale Erfahrung.“
Im Gefolge dieser Philosophie ist von der christlichen Transzendentaltheologie der Versuch unternommen worden, diese Einheit von transzendent und transzendental, die hier nur methodisch differenziert ist, neu zu definieren.
Den Begriff Transzendenz verwendete Karl Jaspers in dreifacher Bedeutung:
· die eigentliche Transzendenz, die er auch die Transzendenz aller Transzendenzen nennt. Sie ist für ihn das eigentliche Sein. Sie ist zugleich das Umgreifende schlechthin oder das Umgreifende des Umgreifenden .
· die Transzendenz aller immanenten Weisen des Umgreifenden (Dasein, Bewusstsein überhaupt, Geist, Welt): „Wir transzendieren zu jedem [immanenten] Umgreifenden, d.h. wir überschreiten die bestimmte Gegenständlichkeit zum Innewerden des sie Umgreifenden; es wäre daher möglich, jede Weise des [immanenten] Umgreifenden eine Transzendenz zu nennen, nämlich gegenüber jedem in diesem Umgreifenden fassbar Gegenständlichen." (S. 109)
· die Transzendenz als Synonym für Gott, so u. a. in Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung (1962) und in Chiffren der Transzendenz (1970, Vorlesung Basel SS 1961).
Die Transzendenz ist bei Jean-Paul Sartre ein grundlegendes Merkmal des Menschen. Das Überschreiten des Egos, in dem der Mensch nicht in sich selbst eingeschlossen, sondern dauernd gegenwärtig in einem menschlichen All ist. In Anlehnung an den griechischen Philosophen Platon und seiner Ideenlehre erdenken wir die Existenz des „Guten an sich“, das sich uns als unbeschreibliche und über die Wege und Mittel der Transzendenz erfassbare Einsicht offenbart.
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